August 31

scheitern all day

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“Motherhood is a glorious gift, but do not define yourself solely by motherhood. Be a full person. Your kid will benefit from that.”
Chimamanda Ngozi Adichie

scheitern all day

Goethe sagt: „Freiwilige Abhängigkeit ist der schönste Zustand, und wie wäre der mögllich ohne Liebe?“.

Der Mensch hat es sich zur Aufgabe gemacht, vieles möglichst gleich wie die anderen zu leben. Die Abweichung von der Norm ist nicht gefragt, sie beängstigt, sie ist unbekannt, sie ist nicht einfach und sie braucht Mut. Warum dieses Bedürfnis allenorten so gross ist und woher es kommt ist nochmal eine ganz andere Frage.

Das Leben in der Kleinfamilie ist eines dieser Ideale, welches wir in unseren Breitengraden zu leben versuchen. Und nicht selten gnadenlos scheitern. Die Anforderungen sind enorm, von der Gesellschaft aber nicht zuletzt auch von uns selber.

Lieber Goethe, ich hasse zuweilen meine Abhängigkeit, freiwillig ist sie schon gar nicht. Ich hasse es, nicht frei zu sein. Ich hasse es, mit der Geburt meiner ersten Tochter auf nimmer Wiedersehen und unwiederbringlich Abschied genommen zu haben von meiner Unabhängigkeit. Darauf hat mich niemand vorbereitet. Darauf kann frau sich nicht vobereiten.

Und nun finde ich mich wieder, in einer Situation, die soviele Frauen* und Mütter sind und frage mich, wie so viele Frauen* und Mütter (und Väter) es tun: wie zur Hölle bin ich hierher geraten und wie komme aus diesem Schlamassel wieder raus? Muttersein, Frausein, Freundinsein, Arbeitnehmerinsein, Karrierefrausein, Geliebtesein, Lustigsein, Sexysein, Alleinsein, Stillsein, Hausfrausein, Windeln und Gagi und Hausaufgaben und Tantra und Yoga und Shanti Shanti… Genau. Es zerrt und zieht an uns aus jeder Richtung, wir biegen und verbiegen uns, wir winden uns in diesen Fesseln, nicht zuletzt, weil wir alleswollen. Wir wollen alles unter einen Hut bringen, wir wollen mit unserem Partner eine gute Beziehung pflegen, wir wollen meditieren und ja, verdammt, wir wollen diesen verfluchten Geburtstagskuchen auch selber backen. Ja verdammt, wir wollen the whole fucking bakery.

Über die Genration Y wird gesagt, sie sei unfassbar anspruchsvoll. Ja, das sind wir und wir gehen zuweilen zugrunde daran.

Die Medien, die Gesellschaft, suggerieren uns dass wir alles erreichen können. Das wir alles geregelt kriegen, das wir uns nur genügend optimieren und managen brauchen und dann wird’s schon hinhauen. Zeit zum scheitern? Zum infrage stellen? Weit gefehlt. Zurück zur Kleinfamilie. Denn da kommen wir alle ja auch her. Aufgewachsen in wohlbehüteten Verhältnissen, privilegiert und gesund wurde uns gesagt, dass wir alles sein, werden und haben können, was wir nur wünschen. Wir sollen unseren eigenen, individuellen Traum leben.

Nur: wie genau funktioniert dies mit Kindern? Wie genau geht das als Mutter? Wie genau, wenn sich vieles immer wie Viertel-vor-Nervenzusammenbruch anfühlt?

Ich möchte einen etwas anderen Blickwinkel auf die Dinge werfen: liebe Frauen*, liebe Mütter und Männer und Väter und Menschen, seid einfach gut genug!

Sprecht darüber, dass ihr zeitweise, vielleicht sogar immer, keine Lust auf eure Kinder habt. Dass ihr erschöpft seid, gelangweilt, unterfordert. Frustriert. Ja, klar, dass ihr eure Kinder liebt, aber dies alles damit nix und gar null Komma gar nix zu tun hat. Denn es ist „ä Chramp“, es ist hart. Sich nicht mehr wie eine eigenständige Person anzufühlen, sondern wie eine Dienstleistung. Die Tage in nicht enden wollender Gleichheit zu verbringen. So viele Dinge nicht verwirklichen zu können. Keine Möglichkeit zu haben, richtig abzutauchen.

Und vor allem: nicht zu schlafen. Oder ungenügend. Oder einfach schlecht.

Darum, lieber Johann Wolfgang: ja, ich bin abhängig und dies gewissermaßen auch freiwillig. Denn ich wollte ja Kinder. Ich wollte ja eine Familie. Und ich will sie heute noch. Aber ein befangenes Gefühl bleibt bei aller Liebe und Freiwilligkeit bestehen. Ich bleibe bei meiner Familie, bei meinen Kindern, weil ich sie liebe. Ich bleibe also freiwillig abhängig. Nur habe ich nicht wirklich eine Wahl denn auch wenn ich nicht bei ihnen bleiben würde, wäre ich immer noch eine Mutter. Einfach eine gescheiterte- und so fühlt es sich ohnehin oft an.

Also: Kopf hoch und Mut zum Scheitern. Mut zum Klagen, zum nicht mögen und zu schamloser Ehrlichkeit. Unseren Kindern lernen wir so wesentliche Dinge: wir stehen ein für uns und unsere Gefühle, wir nehmen sie war und drücken sie aus, auch wenn sie noch so beängstigend daherkommen, auch wenn wir meinen, wir müssten uns ihrer schämen: wir benennen, was ist.

Lasst es uns tun!


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